Eines lässt sich über Wallraffs neues Buch definitiv sagen: Es lässt sich gut lesen, die 300 Seiten waren schnell weg…

Das erste Kapitel handelt von Wallraffs Erfahrungen als Somalier, die auch schon in gekürzter Form in der ZEIT veröffentlicht wurden.
Im Buch sind die Erlebnisse noch etwas näher beschrieben. In den einzelnen Episoden begegnet er den verschiedensten Formen des Rassismus. In der aggressivsten Form zum Beispiel während eines Fußballspiels in Cottbus – eine wahrhaft lebensgefährliche Umgebung für einen Schwarzen.
Obwohl an dieser Stelle der “Vernichtungswille” gegen alles Fremde am deutlichsten offenbart wird, sind es die Schilderungen des alltäglichen Rassismus, der zwar nicht weniger verletzend wirkt, aber in den Medien fast keine Aufmerksamkeit erhält, die das Kapitel so lesenswert macht.

Die Schilderungen seiner Erlebnisse in Behörden, Gaststätten und auf der Wohnungssuche zeichnen ein erschreckendes Bild – und machen klar, dass man sich im Westen der Republik absolut nicht leisten kann, Rassismus als ein Problem des Ostens abzutun.

“Das sind Menschen die haben eine andere Kultur. Die passen nicht. Das hat nicht mit Ausländerfeindlichkeit zu tun. Aber die passen nicht.”

So die Aussage einer Wohnungsbesitzerin – als Begründung die Wohnung nicht an Schwarze vermieten zu wollen. Wallraff nennt es eine “moderne Variante des Rassismus” – Medienpräsenz von schwarzen Prominenten wird akzeptiert, auch gegen einen schwarzen amerikanischen Präsidenten sagt keiner etwas. Wenn es dann aber um direkten sozialen Kontakt geht, entlädt sich die ganze braune Soße der rassistischen Vorurteile. Dies äussert sich dann weniger in offener Gewalt sondern vielmehr in bürokratischen Schikanen und Abwimmeln.

Dies in dieser Form zusammenzutragen ist trotz teils berechtigter oder unberechtigter Kritik an der Methodik ein großer Verdienst Wallraffs. Wie auch von ihm zitiert, stellen Studien regelmäßig rassistische Einstellungen bei 30 – 60% der Deutschen fest. Die Auswirkungen für den Einzelnen bleiben aber wenig greifbar wenn man auf die blanken Zahlen schaut.

In Gesprächen mit Betroffenen und Opfern hätte man dies sicher auch darstellen können, dass Wallraff aber auch hier die für ihn typische Vorgehensweise gewählt hat finde ich durchaus legitim.

An einer Passage habe ich mich allerdings gestört – in eine Wandergruppe aufgenommen zu werden, gelingt wohl jedem unabhängig von der Hautfarbe am besten indem man pünktlich am Treffpunkt ist. Mit einer Frage nach “Brummbeeren” hätte ich wohl auch eher ungute Gefühle ausgelöst…
Ich will damit nicht sagen, dass die Wanderer nicht auch in jedem anderen Fall einen Schwarzen nicht als Mitglied in ihre Gruppe aufgenommen hätten – um das aufzeigen war die Vorgehensweise aber alles andere als glücklich.

Dies bleibt aber mein einziger großer Kritikpunkt am ersten Kapitel.

Fazit Nummer 1:

Aber das ist nicht alles. Glatzen im Osten sind nur die Spitze des Eisberges. Wer den Kampf gegen Rechts auf diese beschränkt, übersieht einen wesentlichen Teil. Wenn nicht dem alltäglichen Rassismus entschieden entgegengetreten wird, dann kann jedes Ausstiegsprogramm, jedes Verbot einer rechtsextremen Organisation nur der Versuch einer symptomatischen Therapie bleiben.

Zu den restlichen Kapiteln in den nächsten Tagen mehr!

Dies ist ein Update zu Wir sind das Entwicklungsland.

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2 Responses to Wallraff revisited

  1. Andrea sagt:

    schön geschrieben, seh ich ähnlich.
    nur dass ich so weit gehen würde, zu sagen, dass solange die hautfarbe eines menschen noch diskutiert wird, solange haben wir ein problem mit rassismus.
    auch übertriebene freundlichkeit gegenüber schwarzen, weil man ja nicht rassistisch sein will, erscheint mir immer eher wie hohn. wenn die hautfarbe deines gesprächspartners dein verhalten verändert, egal ob ins positive oder ins negative, dann ist das rassismus. und bis das in deutschland aufhört, vergehen wohl noch einige jahrzehnte, optimistisch gesehen.
    die “entwicklungsländer” sind uns menschlich um einiges voraus. aber zum glück ist die EU so nett abgeschirmt und wir arrogant genug, um das immer wieder zu übersehen.

  2. Fabian sagt:

    Aber von Äußeren seines Gegenüber wird das Verhalten doch immer beeinflusst. Das ist ja auch sinnvoll – davon dass ich mich mit Frauen anders als mit Männern unterhalte bin ich ja nicht automatisch Sexist.

    Ich verstehe aber gut was du gegen die “übertriebene Freundlichkeit” hast – die stellt ja oft eine Möglichkeit dar, eigentlich empfundene negative Gefühle zu kanalisieren.

    Vorurteile und Reserviertheit ist wohl nicht per se etwas schlechtes – gewisse Bedenken sind wohl durchaus angebracht und manchmal auch überlebensnotwendig beim schnellen Erkennen von gefährlichen Situationen.
    Vielleicht war die Gruppe Skins aber auch nur die Selbsthilfegruppe für die in jungen Jahren von Alopezie Betroffenen e.V. – da hast du den Salat. Die entscheidene Fähigkeit ist es doch da eigene Einstellungen und Vorurteile nicht über den Verstand zu stellen.

    So und jetzt gehe ich endlich schlafen ;)

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